Mittwoch, 8. Oktober 2008

Des Zimis langer Ritt zum Nordkap


Der alte Mann und sein Aluminiumschimmel

Oft entdeckt man in der Landesbibliothek beim unbeschwerten Schmökern Bücher, die einem grad so in die aktuelle Befindlichkeit hineinpassen. So geschehen vor ein paar Wochen. Länder und Reiseberichte ziehen mich immer wieder an.

Dieses Cover mit der unendlich geraden Strasse in einer weiten Landschaft macht mich neugierig: Nordkap, Skandinavien - da war ich doch auf meiner unvergesslichen Gratisreise im April dieses Jahres. Und da geht es darum, dass dieser Zimi die ganze Strecke mit dem Velo abgespult hat. Das mit dem Velo kann ich nachvollziehen - nach mehr als einem halben Jahr Kurierdienst beim Voila in Glarus. Schwupps! Das Buch ist ausgeliehen. Und siehe - der Zimi wohnt in meiner Nachbarschaft, wenige hundert Meter weiter die Hauptstrasse rauf, das "Wölfli", seine Frau mit dem Hund, kenne ich auch vom Spazieren. Mit keinem Wort haben die guten Leute das Buch erwähnt, jetzt liegt es druckfrisch in meiner Hand.

David Zimmermann heisst der Radler und Autor des "eigentlich ungeplanten" Buches über seine Velotour mit Anhänger zum Nordkap. Zwischen dem 18. April und dem 2. September 2005 strampelte er mehr als 10'400 Kilometer ab; auf Schlaglochpisten, Schotterwegen, Baustellen, Wellblechpisten, hin und wieder auch mal auf komfortablen Asphaltstrassen, bergauf und bergab, durch unvergleichlich schöne Landschaften zwischen dem Glarnerland und dem nördlichen Ende Europas. Eine lange und beschwerliche Reise. "Der Zimi" beschreibt den mühsamen Kampf mit dem oft garstigen Wetter, sein tägliches Bemühen um einen guten Schlafplatz sowie um das Beschaffen und Einverleiben der notwendigen Nahrung mit Genuss. Der Leser nimmt aber auch an schönen, lustigen, denkenswerten Begegnungen mit Menschen aller Art teil. Zimi ist nicht auf den Mund gefallen, er interessiert sich für alles, was ihm unterwegs "in die Quere" kommt, er ist auch keineswegs auf den Kopf gefallen, denn er scheut sich nicht, nachzufragen, wenn ihm etwas nicht klar ist; er scheut sich auch nicht, seinen Standpunkt über Gott und die Welt zu vertreten.
Dabei ist des Zimis Sprache nicht gekünstelt literarisch, sondern urchig, ursprünglich und facettenreich, ein schweizerisches Deutsch der besonderen Art, das auch für Nicht-Glarner flüssig zu lesen ist.

"Vor der WC Anlage stehen zehn Millionen Leute Schlange. Diesmal sind es Japaner und Chinesen, ein anderes Mal sind's Franzosen, Schweizer oder Amerikaner. Alle müssen superdringend aufs Klo. Der Ablauf ist immer der Gleiche: Da fährt ein Reisebus auf den Parkplatz vor dem Motel. Die Türen gehen auf und alles rennt zum WC. Kaum sind dort alle unangenehmen Drücke abgebaut, werden ein Paar Fotos geschossen. Zuerst von den auf einem grossen Gestell aufgehängten Stockfischen, die zu eben diesem Zweck vermutlich das ganze Jahr da hängen und im Herbst dann weggeworfen werden. Dann setzen sich die Leute auf die zwei Plastikstühle, hinter denen die zwei Samenpuppen aufgebaut sind. Auch das muss doch digital erfasst werden, oder? Zuletzt rennt jeder und jede in den Souvenirshop. Nur Minuten später kommt einer nach dem andern, beladen mit so einem unmöglichen Staubfänger, wieder aus diesem heraus, klettert zurück in den Car und schon zwanzig Minuten nach seiner Ankunft braust dieser wieder davon. - Kaum ist einer weggefahren, kommt schon der nächste, und das gleiche Szenario läuft wieder ab. Manchmal stehen auch drei oder vier Busse gleichzeitig da und es geht zu und her wie an einer Chilbi. Millionen Kroner werden da dank voller Blasen und Gedärme umgesetzt, denn fast jeder Fahrer hält hier zweimal an, das erste Mal von Süden und das zweite Mal von Norden her kommend. Mindestens dreissig Busse sind das jeden Tag, beladen mit jeweils etwa dreissig bis vierzig Leuten. Wenn da jeder durchschnittlich nur sechs Franken ausgibt, sind das schon etwa zehntausend. ! Dazu kommen auch noch zig Camper, Wohnwagen, normale Autos und Töff, denn auch diese halten halten hier an und auch die meisten dieser Touristen kaufen irgendeinen Souvenirbruch...Scheint für den Besitzer eine echte Goldader zu sein, das Ganze hier!"

"Dann möchte ich doch gerne noch ein oder zwei Stündchen schlafen, denn wir sind erst um vier Uhr in Vardö. Aber auch diese Rechnung habe ich ohne den Wirt gemacht! Man erinnere sich der drei Girls, die mit ihrem Papa in Batsfjord zugestiegen sind? Deren Spielstunde geht jetzt nämlich los. Scheinbar haben sie im Nebensalon Platz genommen, von wo sie jetzt lachend und quietschend einzeln im Abstand von fünf Sekunden durch die automatische Türe in die Cafeteria einlaufen, da ihre Runden um die Selbstbedienungsinsel drehen und auf der anderen Seite wieder durch die dortige Tür verschwinden. Das Kleinste quietschend voraus, dann singend und hüpfend das Mittlere und zuhinterst das Grösste auf der Verfolgung seiner beiden Schwestern. Zwei Minuten später wird die zweite Runde absolviert, dann die dritte, vierte, zwanzigste und so weiter! Zweimal latscht sogar der Alte auch noch hinterher, was noch das Allernötigste ist, oder? Zum Glück quietscht er nicht auch noch, sein saublödes Grinsen macht wenigstens keinen zusätzlichen Lärm. Scheint eine äusserst sportliche und auch nachtaktive Familie zu sein, hä!"

Dieses Tagebuch einer langen und beschwerlichen Reise möchte ich jedem Liebhaber von Reiseerlebnissen und jedem Skandinavienfan wärmstens empfehlen. Zimi hat viel erlebt, viel erlitten, wurde aber auch vor manchem Ungemach und Unglück bewahrt. Was mir an Zimi besonders gefällt, ist sein einfacher und unkomplizierter Glaube an Gott; auf der Rückseite des Covers lesen wir: "Einziger Begleiter ist sein vom Herrgott persönlich abkommandierter Schutzengel, der Beste aller himmlischen Heerscharen!"

2. Auflage
David Zimmermann
Luchsingen 2008
ISBN 978-3-85948-110-7

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